Die Mauer kann unsere Geschichten nicht aufhalten

Fuad Giacaman

Arab Educational Institute

 

 

Das Leitbild von „Sumud“, Standhaftigkeit, bestimmt die Arbeit der Jugend und der Frauen im Arab Educational Institute (AEI) in Bethlehem. Das AEI ist Mitglied bei pax christi. Zu der Zeit, als im besetzten Palästina Ende der 70er Jahre der Begriff „Sumud“ zuerst benutzt wurde, war sein Begriffsinhalt noch sehr statisch. Sumud bedeutete zunächst einmal, dass man im Land bleiben und es trotz der Besatzung nicht verlassen wollte. Über die Jahre stand der Begriff immer mehr für die innere Kraft der Menschen, an ihrer Heimat festzuhalten, wurde ein Ausdruck nicht von Verzweiflung, sondern von Würde: Dass man mit den Füßen fest auf dem Boden und mit dem Kopf erhoben stand. Wie stärkt man diese innere Kraft angesichts der nicht endenden Okkupation, die doch den Lebensraum für Palästinenser immer mehr einschränkt und sie mit Sperrzonen, Siedlun-gen, Checkpoints und Grenzzäunen umschließt? Wie findet man Hoffnung, wo keine Hoffnung ist?

 

Das ist die Herausforderung, vor der alle entwicklungs- und bildungsbezogenen Organisationen wie das AEI stehen. Wir, die wir mitten in der Westbank leben, wo es eine bedeutende christliche Minderheit innerhalb einer moslemischen Mehrheit gibt, haben uns um das gute Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen bemüht. Das AEI arbeitet jetzt an etwa 30 Schulen in Bethlehem und Ramallah zusammen mit dem Erziehungsministerium der Palästinensischen Autonomiebehörde an einem Projekt „Bürgerschaft und Vielfalt: Zusammenleben von Christen und Muslimen“. Muslimische und christliche Teenager haben gemeinsamen Religionsunterricht und lernen so die Religion der jeweils andern kennen. Sie besuchen sich gegenseitig bei Festen, sie machen gemeinsam Ausflüge zu ihren heiligen Stätten und sie schreiben Geschichten davon, wie Christen und Muslime Solidarität untereinander üben und wie sie sich gegenseitig im Alltag und in Notsituationen unterstützen. Die SchülerInnen werden ermutigt, sich zu ihrem Land zu bekennen, zu seinen religiösen Stätten und Gemeinschaften. So finden sie Vertrauen in ihre Zukunft und fördern „Sumud“ für jeden Einzelnen und für die Gemeinschaft.

 

Das AEI hat zwei Häuser in Bethlehem: das Medien-Haus in der Stadtmitte und das Sumud-Geschichten-Haus nahe dem Checkpoint an der Grenze zwischen Bethlehem und Jerusalem und der Mauer um Rahels Grab. (Rahels Grab ist eine heilige Stätte im Norden Bethlehems, angrenzend an das von Israel annektierte Ost-Jerusalem und ist von einer Mauer umgeben, unerreichbar für Palästinenser.) Im Jugend- und Informationszentrum kommen etwa 50 Jugendliche wöchentlich zusammen und diskutieren ihre Probleme. Sie erarbeiten Projekte im Bereich Kunst und gewaltfreier Kommunikation und machen Sport. Wichtig ist dabei, dass diese Aktivitäten über das hinausgehen, was an den Schulen der West Bank und des Gazastreifens an gewohnten Verhaltensmustern vermittelt wird. Stattdessen sollen sich junge Menschen zwischen 6 und 30 Jahren darin üben, innere Stärke zu finden, kritisch zu denken und kreativ zu handeln.

 

Ein Beispiel in diesem Jahr war ein Workshop über drei Tage darüber, was christliches Leben von Palästinensern im Heiligen Land bedeutet und warum es wichtig für die junge Generation ist, die Beziehung zum Land und zur Gemeinschaft zu pflegen und sumud zu leben. Ist es möglich, eine positive spirituelle Lebensauffassung unter der Okkupation zu entwickeln, allen Widrigkeiten zum Trotz? Jeder Jugendliche hat ein Leitbild aufgeschrieben und das mit anderen diskutiert. Zurzeit kommuniziert eine Jugendgruppe durch traditionelle palästinensische Musik und Lyrik ihren Alltag als Palästinenser. Einige Radioprogramme und die lokalen Zeitungen von Maan-News geben den Jugendlichen ein Forum, wo sie Probleme von öffentlichem Interesse, wie Demokratie oder Rauchen und Drogenkonsum diskutieren.

 

Im Sumud-Geschichten-Haus kommen fünf Frauengruppen regelmäßig zusammen, u.a. ein großer Chor und eine Familiengruppe. Ursprünglich war das Sumud-Geschichten-Haus als Reaktion auf die Mauer entstanden, die 2003 bis 2005 rund um Rahels Grab gebaut worden war. Einige der Frauen vom AEI leben dort; sie haben sich gefragt, was man gegen diese schreckliche Mauer machen könne, die nicht nur Palästinenser von ihrem Land trennt und Land raubt, sondern auch das Gefühl schuf, unter anhaltender Belagerung zu stehen. Zwischen 2007 und 2008 gingen Mitarbeiterinnen vom AEI dort von Haus zu Haus und luden die Frauen ein, im Sumud-Haus mitzumachen und eine breite solidarische Gemeinschaft gegen die Gewalt der Mauer zu bilden.

 

Die Frauen organisieren wöchentliche Treffen und Workshops zu gewaltfreier Kommunikation und zu Kunsthandwerk, an denen auch Freiwillige von EAPPI teilnehmen. Und sie treffen dort Besuchergruppen, die etwas über den Alltag in Bethlehem, der belagerten „Stadt des Friedens“ erfahren wollen. Im Rahmen eines internationalen Projekts (Niederlande, Irak, Palästina) zu „Menschlicher Sicherheit“ mit dem Schwerpunkt Frauen vernetzten sich die Teilnehmerinnen mit Frauen aus den Dörfern und den Flüchtlingslagern in und um Bethlehem. Gemeinsam traten sie in einen Dialog mit den lokalen palästinensischen Behörden und der Polizei mit der Forderung, aufmerksamer aus die Rechte und Sicherheiten von Frauen zu achten.

 

Als eine Friedensorganisation hat das AEI immer wieder Protest-Aktionen an der Mauer durchgeführt. Angeregt durch Beispiele von kulturellen Protestformen gegen die Mauer in Berlin und in Belfast hat das AEI viele öffentliche Aktionen angeregt, oft zusammen mit internationalen Gästen und mit einheimischen christlichen Organisationen:Ein Klavierkonzert unter dem Wachturm, Gebete und Shweigeminuten, ein lebendiger Weihnachtsstern, den Menschen mit Fackeln gebildet haben, ein musikalisches Gespräch von Dächern und Balkonen und über Mauern hinweg (RAP-Musik, Blasmusik und Trommeln), ein Arabisches Kaffee-Theaterstück über Gastlichkeit in einer ungastlichen Umgebung, Chorkonzerte und seit 2009 regelmäßige Sumud-Festivals.

 

EAPPI-Freiwillige habenoft als BeobachterInnen teilgenommen, so z.B. bei einer Initiative des AEI von 2011, als ein „Mauer-Museum“ aufgebaut wurde. Das „Museum“ besteht aus großen, an der Mauer befestigten Metallfolien, deren Texte den Überlebenswillen von Palästinensern darstellen. Die von ausländischen Sponsoren gestifteten Postererzählen von der Kraft, sich nicht der Besetzung zu unterwerfen, die SoldatInnen auszutricksen, das Familienleben zu garantieren und Würde zu bewahren auch in erniedrigenden Situationen.

 

Tausende BesucherInnen haen diese Geschichten gelesen oder fotografiert., Dann passierte Folgendes: Früh am Morgen, gegen 2 Uhr, tauchte die israelische Armee auf, um die Geschichten-Poster an der Mauer beim Sumud-Haus zu dokumentieren. Innerhalb von 2 Stunden las ein Soldat die Geschichten laut auf Englisch, ein weiterer übersetzte das ins Hebräische und ein dritter hielt ein Aufnahmegerät. Werden die Geschichten als eine Form von Aufwiegelung registriert?

 

Unterdessen hat das AEI das „Mauer-Museum“ auf die Mauer westlich von Rahels Grab, nahe dem Aida-Flüchtlingslager, erweitert, mit Geschichten und Fotos von Jugendlichen und Bildern von Wunschträumen der Kinder.

 

Langfristig zielt das AEI auf Bildungsprojekte, die das Mauer-Thema aufnehmen sollen. Die jüngste Initiative ist die Einrichtung eines Mauer-Dokumentations-Zentrums im Sumud-Geschichten-Haus. Freiwillige, Jugendliche und Frauen, arbeiten daran. Wie ein Besucher es einmal formuliert hat: „Die Mauer kann eure Geschichten nicht aufhalten!“

 

Zuletzt hat das AEI ein ökonomisches Projekt begonnen. Es ist eigentlich klar, dass sumud alsÜberlebenskampf eine wirtschaftliche Grundlage braucht. Um die finanzielle Situation von Jugendlichen und Frauen zu verbessern, wollen wir eine einjährige Fachausbildung für Dienstleistungen im Bereich Kultur und Tourismus anbieten: Für private Übernachtungen, eine Cafeteria, einen Lieferservice mit palästinensischen Snacks, Workshops für Touristen, und Begleitung von Touristen („rent a friend“). Langfristig wollen wir eine Kooperative für Tourismus-Angebote schaffen, die Palästina jenseits von Sehenswürdigkeiten zeigt und Kontakt mit Familien ermöglicht – der Basis für den Überlebenswillen Palästinas.

 

Für nächstes Jahr, 2017, lädt das Arab Educational Institute (AEI) zusammen mit Palestine Link (PL) KünstlerInnen aus aller Welt ein, sich an einer Internationalen Ausstellung an der Mauer zu beteiligen. Thema soll sein: Visionen von Okkupation und/oder Freiheit. Die Ausstellung wird Teil eines Sumud-Kunst-Festivals sein, das Anfang Juni, in den Tagen des Gedenkens an 50 Jahre Besetzung, in Bethlehem stattfinden soll.

 

 

Fuad Giacaman, Bethlehem, Pädagoge

Mitbegründer und Kopräsident des „Arab Educational Centre“

 

 

In: Hoffnung und Widerstand: Erfahrungen und Berichte aus dem Ökumenisches Begleitprogramm in Palästina und Israel. EAPPI-Netzwerk Deutschland, 2016.


 

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